Kunst der Lüge

Wenn man es in der Kunst der Lüge zu einiger Meisterschaft gebracht hat, dann gelingt es oft, einen Versprecher oder eine Unachtsamkeit auszubügeln. Die dadurch erreichte Leichtigkeit, die das Leben in dieser Schwerelosigkeit des Wahrscheinlichen, aber Unwahren versetzt, löst einen beinah einen euphorischen Zustand aus, in dem man rasch das Opfer leichtsinniger Überheblichkeit werden kann. Gerade wähnt man sich noch auf dem Gipfel der Welt, sieht die Dinge mit leichter Hand geordnet unter sich, da schleicht sich ein zweites Versehen ein, mehr ein Versprecher, nah bei der Wahrheit, aber dennoch leicht als Lüge durchschaubar. Ein drittes Versehen und die scheinbar unendliche Dehnbarkeit der Fakten und Anschauungen schnellt zusammen zu dem winzigen, harten Punkt aus dem die Wahrheit über dich besteht.

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Idiotenkamera

Blut in unseren Körpern, wie die Luft, wie die ganze künstliche Physiologie, mit deren Hilfe man alles sieht und riecht. Ein weißer ungarischer Lastkraftwagen laviert vorsichtig zwischen den Fußgängern. Der Fahrer hupt. Die Leute sehen ihn an wie einen Eindringling. Im Laden am Busbahnhof kaufen sie Brot, Käse und Konserven. Sie sind ein wenig wie Pfadfinder gekleidet, ein wenig wie altmodische Touristen, ein wenig wie zum Nachmittagsspaziergang.

Die paradoxe Grenze zwischen Großtat und Alltag. Militärhemden, Rucksäcke, festliche Täschchen, hochhackige Schuhe, Jagdmesser am Gürtel, Idiotenkameras für achthundert Zloty vom Spielzeugladen. Jeder zweite hat so einen Apparat. Am Juwelierladen hat einer einen Stand mit Filmen aufgebaut. Jetzt schützt er sie mit einem Foliendach und verkauft in einem fort. Gelbe Kodaks, grüne Fujis. Die Wirklichkeit erstarrt in Hunderten von Filmsequenzen, in Tausenden bruchstückhafte Verkörperungen.

Ich versuche, mir die Welt vor der Fotografie vorzustellen und kann es nicht. Wahrscheinlich hat sie gar nicht
existiert, sie ist immerfort verschwunden, aufgezehrt von agilen, unersättlichen Sinnen, nichts ist von ihr übriggeblieben.

Und jetzt diese unzählbare Menge von Schnappschüssen, ein Mosaik, Sekunde um Sekunde, Blick um Blick, Mama, Papa, Söhnchen, jeder trifft mit einem Finger eine unwiderrufliche Auswahl, und wenn man es darauf anlegt, dann entwischt, verschwindet nicht in einziger Regentropfen und geht dorthin, woher er kam. Nicht ausgeschlossen, daß irgendwann einmal die ganze Welt und die Zeit mit Hilfe von Silberverbindungen abgebildet sein werden. Ausschnitt um Ausschnitt, Karton um Karton; nicht ausgeschlossen, daß dies die einzige Erfüllung sein wird und das Ende.

Nach etwa einer Stunde hört es auf zu regnen, und man kann hinaus. An der Maria Magdalena hängt ein Pappschild »Eintrittskarten für Dukla«. Ich gebe einen Zloty und bekomme Sektor B2, aber noch ist Zeit, deshalb gehe ich zum Schloß.

— Andrzej Stasiuk, Die Welt hinter Dukla

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Novocain

On the face of it death, coldly, methodically, dealt out by a firing squad, precludes an indifferent treatment; such a subject is nothing if not charged with meaning for each one of us. But Manet approaches it with an almost callous indifference that the spectator, surprisingly enough, shares to the full. Maximilian reminds us of a tooth deadened by novocain…. Manet posed some of his models in the attitude of dying, some in the attitude of killing, but all more or less casually, as if they were about to “buy a bunch of radishes.'” 

— Bataille on “L’execution de l’empereur Maximilien. 1868/69

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Fascination

 

Beyond meaning, there is the fascination that results from the neutralization and the implosion of meaning. Beyond the horizon of the social, there are the masses, which result from the neutralization and the implosion of the social.

What is essential today is to evaluate this double challenge the challenge of the masses to meaning and their silence (which is not at all a passive resistance) – the challenge to meaning that comes from the media and its fascination. All the marginal, alternative efforts to revive meaning are secondary in relation to that challenge.

— Baudrillard, THE IMPLOSION OF MEANING IN THE MEDIA

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Beyond Meaning

 

Beyond meaning, there is the fascination that results from the neutralization and the implosion of meaning. Beyond the horizon of the social, there are the masses, which result from the neutralization and the implosion of the social.

What is essential today is to evaluate this double challenge the challenge of the masses to meaning and their silence (which is not at all a passive resistance) – the challenge to meaning that comes from the media and its fascination. All the marginal, alternative efforts to revive meaning are secondary in relation to that challenge.

— Baudrillard, THE IMPLOSION OF MEANING IN THE MEDIA

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Die Krankheit nimmt ihren Verlauf

Die Aufspaltung des antiken Chores durch Shakespeare, seine Individualisierung. ist nicht bloßer schauspielerfreundlicher Zugewinn, sondern ein bedeutender inhaltlicher Verlust, den kein Protagonist wettmachen kann. Der Gesamtzusammenhang der auf der Bühne agierenden Figuren ist zerstört. Damit ist jede Figur auf eigenes Leid zurückgeworfen, auch befreit von Verantwortung fürein-ander.

Hier beginnt der Monolog. Die Figur friert in der Ausstoßung, krümmt sich. empfindet körperlichen Schmerz. Sie kann ihn nicht beruhigen, sondern mit der Erkenntnis wächst der Schmerz. die Unmöglichkeit, den immer noch blutenden Riß zu korrigieren. Im Fieber spürt sie ein Gift, spürt, wie sich die Wunde entzündet. Bis der Faden reißt. Panik ausbricht.

Panik. Das Verhalten in die U- oder S-Bahn Einsteigender ist schon so bedrängend geworden. daß man aussteigend die Einsteigenden über den Haufen rennt, vielmehr wollen die Einsteigenden lieber über den Haufen gerannt werden, als auch nur einen Zentimeter nachgeben. um den Aussteigenden Platz zu machen, nein, sie weichen keinen Schritt. stemmen sich dem Aussteigenden mit unverminderter Kraft entgegen, schieben ihn in den Wagen zurück, wenn dieser sich nicht in seiner Bewegung nach außen behauptet. Hier lassen sich Verhaltensänderungen beschreiben. die all diese Menschen unter einem unbestimmbaren Zwang zeigen. Es gibt keinerlei Gründe. der Zug fährt nicht früher, im Gegenteil, die Unstimmigkeiten halten den normalen Zeittakt eher auf, trotzdem hat der Druck der Einsteigenden, der Druck, in die Wagen zu kommen, zugenommen. Die »Krankheit« nimmt ihren Verlauf.

— Einar Schleef, Droge Faust Parzival

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Peinliche Verwandschadt

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“Der Bursche ist eine Katastrophe; das ist kein Grund, ihn als Charakter und Schicksal nicht interessant zu finden. Muss man nicht, ob man will oder nicht, in dem Phänomen eine Erscheinungsform des Künstlertums wiedererkennen? Es ist, auf eine gewisse beschämende Weise, alles da: die ,Schwierigkeit’, Faulheit und klägliche Undefinierbarkeit der Frühe, das Nichtunterzubringensein, das Was-willst-du-nun-eigentlich?, das halb blöde Hinvegetieren in tiefster sozialer und seelischer Boheme, das im Grunde hochmütige, im Grunde sich für zu gut haltende Abweisen jeder vernünftigen und ehrenwerten Tätigkeit – auf Grund wovon? Auf Grund einer dumpfen Ahnung, vorbehalten zu sein für etwas ganz Unbestimmbares, bei dessen Nennung, wenn es zu nennen wäre, die Menschen in Gelächter ausbrechen würden. Dazu das schlechte Gewissen, das Schuldgefühl, die Wut auf die Welt, der revolutionäre Instinkt, die unterbewusste Ansammlung explosiver Kompensationswünsche, das zäh arbeitende Bedürfnis, sich zu rechtfertigen, zu beweisen, der Drang zur Überwältigung, Unterwerfung, der Traum, eine in Angst, Liebe, Bewunderung, Scham vergehende Welt zu den Füßen des einst Verschmähten zu sehen. Ein etwas unangenehmer und beschämender Bruder; er geht einem auf die Nerven, es ist eine reichlich peinliche Verwandtschaft. Ich will trotzdem die Augen nicht davor schließen.”

— Th. Mann, Bruder Hitler

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Contemplating From Above

Engelmann[Paul Engelmann, Wittgenstein’s close friend and faithful correspondent] told me that when he rummages round at home in a drawer full of his own manuscripts, they strike him as so glorious that he thinks they would be worth presentingto other people. (He said, it’s the same when he is reading through letters from his dead relations) But when he imagines a selection of them published he said, the whole business loses its charm & value & becomes impossible. I said this case was like the following one: Nothing could be more remarkable than seeing someone who thinks himself unobserved engaged in some quite simple everyday activity. Let’s imagine a theatre, the curtain goes up & we see someone alone in his room walking up and down, lighting a cigarette, seating himself etc. so that suddenly we are observing a human being from outside in a way that ordinarily we can never observe ourselves; as if we were watching a chapter from a biography with our own eyes, – surely, this would be at once uncanny and wonderful. More wonderful than anything that a playwright could cause to be acted or spoken on the stage. We should be seing life itself. – But then we do see this every day & it makes not the  slightest impression on us!

True enough, but we don’t see it from that point of view.  – Similarly, when E. looks at his writings and finds them splendid(even though he would not care to publish any of the pieces individually), he is seeing his life as God’s work of art, & as such it is certainly worth contemplating, as is every life & everything whatever. But only the artist can represent the individual thing[das Einzelne] so that it appears to us as a work of art; those manuscripts rightly lose their value if we contemplate them singly & in any case without prejudice, i.e. without being enthusiastic about them in the advcance. The work of art compels us – as one might say – to see it in the right perspective, but without art the object [der Gegenstand] is a piece of nature like any other & the fact that we may exalt through our enthusiasm does not give anyone the right to display it to us. (I am always reminded of one of those insipid photographs of a piece of scenery which is interesting to the person who took it because he was there himself, experienced something, but which a third party looks at with justifiable coldness; insofar as it is ever justifiable to look at something with coldness.)

But now it seems to me too that besides the work of the artist there is another through which the world may be captured sub specie aeterni. It is – as I believe – the way of thought which as it were flies above the world and leaves it the way it is, contemplating it from above in its flight.

— L. Wittgenstein, in: Culture and Value, cited from Michael Fried, Why Photography Matters As Art As Never Before

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Welt wird Bild

Das Weltbild wird nicht von einem vormals mittelalterlichen zu einem neuzeitlichen, sondern dies, daß überhaupt die Welt zum Bild wird, zeichnet das Wesen der Neuzeit aus.

Aus: Martin Heidegger: Die Zeit des Weltbildes (1938). In: Gesamtausgabe. Bd. 5: Holzwege. Frankfurt (Main): Klostermann, 1977, S. 87-88

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