
Immortalität: Die Behauptung der Unsterblichkeit im Moment der Sterblichkeit

Immortalität: Die Behauptung der Unsterblichkeit im Moment der Sterblichkeit

Cars/Beds, Korea, August 2023
The moment the camera flips the mirror: we’re missing the moment the in which the picture is taken so that the camera can see. You have to decide: Either you see what is going on, or the camera does.

gerade Blöcke Stein, nasse Fassaden, streifig vom Regen.
vor dem Lampengeschäft rennt ein Mann auf und ab. Er sucht etwas oder er wartet auf jemanden.
Belichtung, Überbelichtung.
I can wait.
I can’t wait.
Motten.
Spannung.
zwei Stühle (oder auch noch ein dritter, von einem Nachbartisch herübergezogen, es macht euch doch nichts aus, wenn ich mich kurz dazu setze, ich bin eh auf dem Sprung, ich treffe mich nachher noch mit f., wir wollen ins Kino, was habt ihr heute noch vor?
ich mochte sein Aftershave nicht. Zu schwer. Roch wie ein seltsame Form von Alkohol, ich dacht schon immer zu Beginn des Abends, er hätte zuviel getrunken und fühlte mich schon unwohl, wenn ich zu ihm ins Auto stieg.
der Haken, an dem das Universum wie ein Mantel festgemacht ist. Gott kam überhastet herein gestolpert, er hängte seinen Mantel achtlos an einen Haken und setzte sich an einen der hinteren Tische, er war erleichtert, dass er offenbar nicht zu spät gekommen war, einen Moment dachte er, sie wäre schon wieder weg aber er sah auf die Uhr und schloss das aus und bestellte ein Bier. Aber sie kam nicht. Er bestellte ein weiteres Bier. Sie kam nicht. Er bestellte noch ein Bier. “Es tut mir leid(das war natürlich gelogen). Mir ist etwas dazwischen gekommen (auch das war gelogen: Als Gott bereits auf sie wartete lag sie noch auf der Couch, sie hatte nachlässig Make-up aufgetragen und sich dann noch einen Moment hingesetzt. War dort sitzen geblieben, der Fernseher lief, eine Quizshow. Möchten sie jemanden anrufen? Ich möchte jemanden anrufen. Ich möchte Gott anrufen, ich bin mir beinah sicher, dass er so etwas weiß, er interessiert sich für diese Dinge. Geschichte und so. Leute. Und er kann sich auch alles merken. Sie war dann eingeschlafen und Gott bestellte noch ein weiteres Bier. Als er die Kneipe verließ, es ging gegen eins, vergaß er den Mantel. Das Gewicht von Gottes Mantel, der noch immer dort an der Garderobe hängt, zieht das Universum auseinander. Auf die einfachen Erklärungen kommt man immer zuletzt.
Irgendwann muss jeder die Party verlassen.
Die Stadt, die nicht los geht.
Die Stadt, die los geht. Richtig los geht. Mit allem drum und dran.
Geschichte zweier Städte.
Es sind vielleicht die Lampen. Er kommt von den Lampen nicht los. Rennt auf und ab vor dem Lampengeschäft.
das Licht in den Pfützen.
die einander überschneidende Ringe, die sein Bierglas auf der Theke hinterlässt.
ein bemerkenswerter Mangel an Souveränität. Seinem Alter nicht entsprechend. Er war nie erwachsen geworden. Es kam nie der Tag, an dem er sagte: Jetzt bin ich ein Erwachsener. Er sagte auch nicht mehr: Ich bin ein Kind. Aber er hatte immer ein merkwürdiges, schwereloses Gefühl, wenn andere Erwachsene redeten. Er redete nicht. Er trank drei Bier, dann redete er.
Heute macht sie irgendwas beim Fernsehen. Wenn man sie googelt, findet man ihren Namen in einigen Pressemitteilung. Sie sagt: Ich freue mich sehr, künftig die Entwicklung so potentialstarker Shows wie Heidi oder Petterson und Findus zu betreuen.” Ich kenne Heidi, aber ich kenne Petterson und Findus nicht. Ich freue mich auch. Auf ihrem Bild erkenne ich sie nicht wieder.
Ich habe noch ein Buch von Dir. Du hattest mich schon einmal gebeten (per Mail) es dir zurück zu geben aber da hatte ich es noch nicht gelesen. Zwei Frauen in meinen Leben haben mir Bücher von Boris Vian geschenkt. Ich wollte das Buch nicht zurück geben, ehe ich es nicht gelesen hatte.
Vom Schaufenster geht der Mann zur Ampel, an der Ampel schaut er die Straße hinunter und wieder herauf, dann geht er wieder zum Schaufenster. Sie interessieren sich für Lampen? Im Allgemeinen nicht. Aber das Licht ist schön. Ich bin nicht unruhig. Das sehen sie falsch. Es liegt vielleicht am Licht. Ich suche noch nach einer Lampe für die Küche.
Er ging weiter, verschwand um die Ecke in der Einkaufsstraße (er machte einen Schaufensterbummel). Aber er kam wieder zurück. Alle Geschäfte waren bereits seit Stunden geschlossen. Ich will auch nichts kaufen. Ich brauche eine Lampe. Für die Küche. Und für die Diele. In der Diele habe ich nur eine nackte Glühbirne. Sie erfüllt ihren Zweck, aber es ist zu hell in der Diele. Soviel Licht braucht man in der Diele gar nicht. Ich schaue mir hier nur die Lampen an.
Frag mich nicht, ob das eine gute Idee ist. Ich weiß es einfach nicht. Es ist eine gute Idee. Was aus den Leuten geworden ist, die man schon seit Jahren aus den Augen verloren hatten. Frag Sie, ob sie nicht vorbei kommen will. Gib mir den Hörer. Willst Du nicht vorbei kommen? Ja, steht hier neben mir. Mir macht es nichts aus, wenn Du schon ausgezogen bist. Du weißt, dass es mir nichts ausmacht, wenn Du schon ausgezogen bist.
Ich habe hier etwas für dich.
Gib mir mehr 1987.

“Where the real world changes into simple images, the simple images become real beings and effective motivations of hypnotic behavior.”
― Guy Debord, The Society of the Spectacle

Das sog. Verantwortungsgefühl als soziale Tugend ist im letzten Grunde Beamtengeist, Knabenhaftigkeit, vom Vater her gebrochener Wille.”
–Kafka, Tagebuch 318


Full fathom five thy father lies;
Of his bones are coral made;
Those are pearls that were his eyes;
Nothing of him that doth fade,
But doth suffer a sea change
Into something rich and strange.
Sea-nymphs hourly ring his knell:
Ding-dong.
Hark! now I hear them — Ding-dong, bell.
— The Tempest, William Shakespeare

Was sich bei dem mehrjährigen Schreiben klärte, dass sich die künstlerischen Disziplinen, die ich betrieb und ausschließlich aus den DDR-Lebensbedingungen herleitete, jetzt thematisch zuordneten, deutlich wurde, das jedes Thema nur in einer bestimmten Disziplin ausführbar ist, dass jedes Thema seine ureigenste Ausdrucksform in sich hat.
Die mehrjährige Text-Arbeit zeigte, daß die Disziplinen nicht mischbar sind, da jede ein völlig anders geartetes Leben voraussetzt, und daß vertieftes Eindringen in die gewählte Ausdrucksform vom Erleiden der zugehörigen Berufskrankheitabhängig ist. Dieser Erkenntnis zu folgen, weigerte ich mich. Ich brach das Schreiben ab. Noch mit 40 sah ich van Gogh als Unglücksfall an. Erst mit 50 begriff ich, daß Theater einen kaputt macht. Unumgänglich war die Einsicht, daß kein Qualitätsanstieg ohne Schmerz zu erreichen war, daß auch ich meinen Fahrschein kaufen musste und nicht mehr den Kontrolleur austricksen konnte.
— Einar Schleef, Droge Faust Parsifal, p. 486

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And youth was wasted on the young
who throw away their lives on a whim
on an unnaturally warm Christmas eve

Durch so viele Formen geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?
Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewußt,
es gibt nur eines: ertrage
– ob Sinn, ob Sucht, ob Sage –
dein fernbestimmtes: Du mußt.
Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.
— Gottfried Benn, 1953