
Aschau, July 2015
Die paradoxe Grenze zwischen Großtat und Alltag. Militärhemden, Rucksäcke, festliche Täschchen, hochhackige Schuhe, Jagdmesser am Gürtel, Idiotenkameras für achthundert Zloty vom Spielzeugladen. Jeder zweite hat so einen Apparat. Am Juwelierladen hat einer einen Stand mit Filmen aufgebaut. Jetzt schützt er sie mit einem Foliendach und verkauft in einem fort. Gelbe Kodaks, grüne Fujis. Die Wirklichkeit erstarrt in Hunderten von Filmsequenzen, in Tausenden bruchstückhafter Verkörperungen. Ich versuche, mir die Welt vor der Fotografie vorzustellen und kann es nicht. Wahrscheinlich hat sie gar nicht existiert, sie ist immerfort verschwunden, aufgezehrt von agilen, unersättlichen Sinnen, nichts ist von ihr übriggeblieben. Und jetzt diese unzählbare Menge von Schnappschüssen, ein Mosaik, Sekunde um Sekunde, Blick um Blick, Mama, Papa, Söhnchen, jeder trifft mit einem Finger eine unwiderrufliche Auswahl, und wenn man es darauf anlegt, dann entwischt, verschwindet nicht ein einziger Regentropfen und geht dorthin, woher er kam. Nicht ausgeschlossen, daß irgendwann einmal die ganze Welt und die Zeit mit Hilfe von Silberverbindungen abgebildet sein werden. Ausschnitt um Ausschnitt, Karton um Karton; nicht ausgeschlossen, daß dies die einzige Erfüllung sein wird und das Ende.
Andrzej Stasiuk, Die Welt hinter Dukla