Wir sind dafür nicht verantwortlich

Bochum, April 2016

“Wir wissen”, sagte einer von ihnen, der über die Justizreform diskutiert hast, “dass die Welt, in der wir gelebt haben, nur noch in unserer Einbildung existiert. Unser persönliches Leben ist zu Ende; wenn wir jetzt mit Müh und Not unsere letzten Jahre hinbringen, wollen wir dabei nicht in den Zustand verfallen, in dem sich das moderne Europa befindet. Dieses Europa, wissen Sie, woran mich seine geistigen Ausdrucksformen erinnern?, an Maupassant Umnachtung, als er seine Exkremente aß. Das ist Europas heutiger Zustand. Wir sind dafür nicht verantwortlich. Doch man soll uns nicht vorwerfen, dass wir kein Interesse an der Gegenwart haben; wir ziehen es vor, unsere antiquierte Lebensweise zu bewahren und zu lebenden Hieroglyphen zu werden.”

— Gaito Gasdanow, Nächtliche Wege, 1941

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Tiergarten

“The editing process was difficult. I did not compile into a so called montage that followed the narrative structure: introduction, development, twist, and conclusion. Instead, I tried to include as many photographs as possible like an endless tape without a beginning and or end.”

Takashi Yutaka

 

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The Real World

Photography is always surreal and in its changes of scale and its constant juxtapositions, and in comprising both the conscious and unconscious images of a reality no longer present. Reality is being transformed into a colossal photograph, and the photomontage already exists: it’s called the real world.

— Luigi Ghirri, Milan 1979

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Bedürfnis nach frischer Luft

Der Destruktive Charakter

Es könnte einem geschehen, daß er, beim Rückblick auf sein Leben, zu der Erkenntnis käme, fast alle tieferen Bindungen, die er in ihm erlitten habe, seien von Menschen ausgegangen, über deren »destruktiven Charakter« alle Leute sich einig waren. Er würde eines Tages, vielleicht zufällig, auf diese Tatsache stoßen, und je härter der Chock ist, der ihm so versetzt wird, desto größer sind damit seine Chancen für eine Darstellung des destruktiven Charakters.

Der destruktive Charakter kennt nur eine Parole: Platz schaffen; nur eine Tätigkeit: räumen. Sein Bedürfnis nach frischer Luft und freiem Raum ist stärker als jeder Haß.

Der destruktive Charakter ist jung und heiter. Denn Zerstören verjüngt, weil es die Spuren unseres eigenen Alters aus dem Weg räumt; es heitert auf, weil jedes Wegschaffen dem Zerstörenden eine vollkommene Reduktion, ja Radizierung seines eignen Zustands bedeutet. Zu solchem apollinischen Zerstörerbilde führt erst recht die Einsicht, wie ungeheuer sich die Welt vereinfacht, wenn sie auf ihre Zerstörungswürdigkeit geprüft wird. Dies ist das große Band, das alles Bestehende einträchtig umschlingt. Das ist ein Anblick, der dem destruktiven Charakter ein Schauspiel tiefster Harmonie verschafft.

Der destruktive Charakter ist immer frisch bei der Arbeit. Die Natur ist es, die ihm das Tempo vorschreibt, indirekt wenigstens: denn er muß ihr zuvorkommen. Sonst wird sie selber die Zerstörung übernehmen.

Dem destruktiven Charakter schwebt kein Bild vor. Er hat wenig Bedürfnisse, und das wäre sein geringstes: zu wissen, was an Stelle des Zerstörten tritt. Zunächst, für einen Augenblick zumindest, der leere Raum, der Platz, wo das Ding gestanden, das Opfer gelebt hat. Es wird sich schon einer finden, der ihn braucht, ohne ihn einzunehmen.

Der destruktive Charakter tut seine Arbeit, er vermeidet nur schöpferische. So wie der Schöpfer Einsamkeit sich sucht, muß der Zerstörende fortdauernd sich mit Leuten, mit Zeugen seiner Wirksamkeit umgeben.

Der destruktive Charakter ist ein Signal. So wie ein trigonometrisches Zeichen von allen Seiten dem Winde, ist er von allen Seiten dem Gerede ausgesetzt. Dagegen ihn zu schützen, ist sinnlos.

Der destruktive Charakter ist gar nicht daran interessiert, verstanden zu werden. Bemühungen in dieser Richtung betrachtet er als oberflächlich. Das Missverstandenwerden kann ihm nichts anhaben. Im Gegenteil, er fordert es heraus, wie die Orakel, diese destruktiven Staatseinrichtungen, es herausgefordert haben. Das kleinbürgerlichste aller Phänomene, der Klatsch, kommt nur zustande, weil die Leute nicht mißverstanden werden wollen. Der destruktive Charakter läßt sich mißverstehen; er fördert den Klatsch nicht.

Der destruktive Charakter ist der Feind des Etui-Menschen. Der Etui-Mensch sucht seine Bequemlichkeit, und das Gehäuse ist ihr Inbegriff. Das Innere des Gehäuses ist die mit Samt ausgeschlagene Spur, die er in die Welt gedrückt hat. Der destruktive Charakter verwischt sogar die Spuren der Zerstörung.

Der destruktive Charakter steht in der Front der Traditionalisten. Einige überliefern die Dinge, indem sie sie unantastbar machen und konservieren, andere die Situationen, indem sie sie handlich machen und liquidieren. Diese nennt man die Destruktiven.

Der destruktive Charakter hat das Bewusstsein des historischen Menschen, dessen Grundaffekt ein unbezwingliches Misstrauen in den Gang der Dinge und die Bereitwilligkeit ist, mit der er jederzeit davon Notiz nimmt, daß alles schief gehen kann. Daher ist der destruktive Charakter die Zuverlässigkeit selbst.

Der destruktive Charakter sieht nichts Dauerndes. Aber eben darum sieht er überall Wege. Wo andere auf Mauern oder Gebirge stoßen, auch da sieht er einen Weg. Weil er aber überall einen Weg sieht, hat er auch überall aus dem Weg zu räumen. Nicht immer mit roher Gewalt, bisweilen mit veredelter. Weil er überall Wege sieht, steht er selber immer am Kreuzweg. Kein Augenblick kann wissen, was der nächste bringt. Das Bestehende legt er in Trümmer, nicht um der Trümmer, sondern um des Weges willen, der sich durch sie hindurchzieht.

Der destruktive Charakter lebt nicht aus dem Gefühl, daß das Leben lebenswert sei, sondern daß der Selbstmord die Mühe nicht lohnt.

—Walter Benjamin

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WE ARE THE CONSUMTARIAT

Greetings from Budapest

(we are) the “Consumtariat”: The idea, that in developed countries, the lower class is no longer a proletariat but a class of consumers kept satisfied with cheap, mass-produced commodities, from genetically modified food to digitalized mass culture.

Slavoj Zizek, Living in the End Times

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Be Yourself

Palast, Duisburg, March 2017

He worked at a supermarket for a while. He sold ceramics. He sold shoe laces. He was an insurance agent. He had a wife and two kids. He lived alone. He enjoyed living alone. He did not like anything as much as coming home and closing the door behind him. He watched TV a lot. He went into cinema and he liked it to just sit in the dark, he often could not remember what the movie was about. He was a lady’s man. He had affairs with many women. He was strong-willed. He worked at a bank. He wrote software. He worked in government. He was trying out a costume. He went to the carnival. He talked to an older man. He was a tenant. He lived in a two-story building. He was shitting bricks. He flung his head against the wall, he was bleeding all over his fore-head. He looked solemnly out of the window, he waited for them to come. He drove a big car. He was up all night.

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Banality is a complex concept

“I love Banality”

—JH Engström

RJ: You once said, “There is no decisive moment. You have to create it.” But I also think that in your photos of “The Americans”, I could also see a lot of important moments. I don’t call it “decisive moment”. I would rather call it “off moment”, because they are more like the moments before or after the so-called decisive moment by Cartier-Bresson. I think Cartier-Bresson’s moment is more about the geometrical precision of a moment while yours is more about capturing a stance, or an alienated and empty expression on the faces of the people you take photos of. So how do you define the moments in your photos?

RF: I simply think I have better moments than Cartier-Bresson or anybody else. You put together your photographs in a book. They may be 8 or 10 photos or more. So it makes an impression on you to look at this book full of pictures. You don’t think so much about the moments. You think of what this photographer feels about what he sees. It’s less an aesthetic look of something that is well-composed and well-lit. It doesn’t go about that. I think in a way Walker’s photographs always have that built in. It’s a perfect look of having taken it at the right time, straight on and sharp. For me, I worked much quicker and less reflected on what is a possible perfection of a photograph.

— from: An Interview with Robert Frank – “If An Artist Doesn’t Take Risks, Then It’s Not Worth It.” (2007)|, ASX

Bresson and Surrealism: Although the image suggests this, the bicyclist did not run down the stairs that lead our eye to him: So the image suggests something “that is not there” or “has not happened this way”. Which in turn questions, what then, is there? If not this way, how did it happen?

Juxtaposition; and against this concept of juxtaposition: the concept of framing, of constructing a coherent narrative out of disparate pieces; the oceanic feeling of photography: That somehow we are all connected, the photographer with what he photographs, the viewer with the photographer by the piece of paper he holds in his hands and the things in the universe, because their convergence in the decisive moment somehow proves a pre-ordained harmony; the infinite clockwork that sounds a bell, when the two hands of the clock align are proof of the watchmaker. Bresson is already the end of Enlightenment, from here on we start looking for cracks in this narrative.

Snapshot mentality; (Jeff Wall and his intentional “removal of artistry”)

art as an act, not as a product

and Fukase, who tried to remove himself as the author from his pictures. And who, in the early seventies, decided to burn all his negatives: If he cannot remove the author, the least he can do is to remove the pictures. But he did not stop there and took up heavy drinking in the vain attempt to remove himself from himself. And again failed, as all he achieved to remove was his memory…

Banality is a surprisingly complex concept.

Banality as the result of a subtraction that in the end reveals… what? Nothing? Absence of the Substracted? Being, playing out itself in the most unfiltered way possible? (and its opposite, the “beautiful” picture as a result of veils hiding other veils hiding nothing in the end?)

Do you have to be a famous photographer to make a banal picture? Why do people look at banal pictures and applaud them and cheer the banality? What prevents this picture from drowning, what makes you look at it, if – by definition – there is nothing to see there? Related to the Ready-Made: The act of declaring something (art)/a picture. (Photography as the art of “pointing at something”)

“Real banality” vs. “Banality of the second degree”: I declare this to be a banal picture, because I want you to look closer. vs.: You don’t need to look closer, I have taken out anything worth looking at (and here again, we hit upon “worth”, picture as a “commodity”, “consumption”: There is something special here to be consumed that escapes the first look vs. there is nothing here to consume.

It works by taking away things that you think are spectacular

Banality and the Society of Spectacle; Banality as somehow existing outside of the cycle production and consumption. It just sits there.

That it cannot (and does not want to) be consumed is part of its banality. And vice-versa: The banality is the thing that undermines its function as a commodity. And here we might add, looking at Ed Rusha’s twenty-nine gasoline stations: What if that banality is then turned to pictures/places of consumption?

Banality and the exit from the Society of the Spectacle;

Then what is the difference between a banal and a “bad” picture?

Think: the background of a selfie, but without you in it. The Landscape you wanted to photograph, but you turn around and shoot whatever presents itself there. And if there is something that distracts you or ruins your admiration of the view, a shot of that. Random shots from the train, which is more or less trying to photograph the very act of traveling itself and here you try to photograph something that is not in the picture.

The Outside of the Photograph

What is it about: It it is about “the act of photographing”. It took ten years for this notion to arrive from painting in photography, but in contrast to Abstract Expressionism, which could simply refrain from depicting anything (the paint not “showing” anything else but the gesture of dripping paint on the canvas), for a photograph it is harder to show only “the gesture of taking the photograph” – it still will show something. Banality is a way to reduce this “something” to almost nothing to open up a clearer view on what is outside of the photograph.

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Chronophobia

It is that time itself has been traumatized so that we come to comprehend history not as a random sequence of events but as a series of traumatic clusters

— Mark Fisher, from: The Weird And The Eerie

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