Selbstbeherrschung

Jene Morallehrer, welche zuerst und zuoberst dem Menschen anbefehlen, sich in seine Gewalt zu bekommen, bringen damit eine eigenthümliche Krankheit über ihn: Nämlich eine beständige Reizbarkeit bei allen natürlichen Regungen und Neigungen und gleichsam eine Art Juckens. Was auch fürderhin ihn stossen, ziehen, anlocken, antreiben mag, von innen oder von aussen her — immer scheint es diesem Reizbaren, als ob jetzt seine Selbstbeherrschung in Gefahr gerathe: er darf sich keinem Instincte, keimem freien Flügelschlag mehr anvertrauen, sondern steht beständig mit abwehrender Gebärde da, bewaffnet gegen sich selber, scharfen und misstrauischen Auges, der ewige Wächter seiner Burg, zu der er sich gemacht hat. Ja, er kann gross damit sein! Aber wie unausstehlich ist er nun für andere geworden, wie schwer für sich selber, wie verarmt und wie abgeschnitten von den schönsten Zufälligkeiten der Seele! Ja auch vor aller weiterer Belehrung! Denn man muss auf Zeiten verlieren können, wenn man den Dingen, die wir nicht selber sind, Etwas ablernen will.

–Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft

 

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Fehlende Folge

Heidelberg, October 2015

Er war sich ziemlich sicher, dass zwischen Episode 12 und 13 noch eine Episode fehlte.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie hier eine Folge ausgelassen haben.“, sagte er zu seiner Frau, als er die DVD aus dem Player nahm und sie zurück in die Packung steckte. Sie hatten eine Weile die ausgelassenen Szenen und einige Berichte vom Set angeschaut, aber niemand hatte eine ausgelassene Folge erwähnt. Es gab keinen Hinweis auf eine Folge 12b oder 13a, die Überlegungen des Studios oder Bedenken des Produzenten zum Opfer gefallen wäre. 

„Es gibt diese Szene, in der angedeutet wird, dass B. eine Affäre hat, aber in der nächsten Folge ist davon keine Rede mehr und es wird so getan, als sei nie etwas passiert. Ich glaube, sie haben die nächste Folge gedreht und sie dann nicht gesendet.“

„Warum sollten sie so was tun? Ich kann mir das nicht vorstellen. Vielleicht haben sie es nur vergessen oder es gab einen anderen Drehbuchschreiber, der das nicht weiter verfolgen wollte oder es nicht wusste. Auch solche Leute machen Fehler.“

„Ich glaube das nicht. Ich glaube, es fehlt hier noch was.“

Er recherchierte eine Weile lang im Internet: Er las verschiedene Episode-Guides und durchforstete die Foren, ob noch jemandem dieser Bruch zwischen den zwei Folgen aufgefallen war. Es gab einige Spekulationen über den Streik der Drehbuchschreiber und wie er sich auf die Serie auswirken würde. Auch wenn viele über den weiteren Vorgang der Serie spekulierten und einige mit Theorien über ein mögliches Ende und das Absetzen der Serie mit einem großen Finale aufwarteten, gab es keine Hinweise auf eine verlorene oder unterdrückte oder dem Schneidetisch oder der Zensur zum Opfer gefallene Folge. 

Als er Abends von der Arbeit heim kam, sah er auf dem Bürgersteig den Torso eines Menschen liegen. Er lehnte an einer Gartenmauer vor einem zweistöckigen Haus: Im ersten Stock waren die Jalousien vor die Fenster gezogen, im zweiten Stock gab es einen kleinen Balkon, auf dem einige kümmerliche Pflanzen in ihren Töpfen verendeten, die Fenster waren alle dunkel und das Haus machte den Eindruck, als seien seine Bewohner im Urlaub oder hätten es ganz verlassen. Als er näher kam, sah er, dass der Torso nichts weiter war als ein sehr großes Stück Wachs, das an einigen Stellen schmutzig grau war und halb im Schatten der Gartenmauer gelegen hatte. Einige Einbuchtungen, einige flache Stellen, an den das Wachs abgebröckelt war, erweckten zusammen mit den Schatten des frühen Abends den Eindruck, als sei hier ein Schulterblatt und da der Ansatz des Rückens zu sehen, aber im Ganzen war es nichts weiter als ein sehr großer Klumpen Wachs, der mit einigem anderen Abfall (ein zerdrückter Karton Orangensaft, einige angefaulte Äpfel, leere Konservendosen, von denen sich das Etikett  abgelöst hatte), an dieser Mauer lehnte. Er ging rasch weiter. 

„Wir sollten mehr Sex haben. Ich meine, wir sollten mehr Sex haben, solange wir noch wenigstens ein bisschen jung und knackig sind.“ – „Du meinst, so vor ungefähr 15 Jahren?“

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Unhealthy

I have this unhealthy relationship to America: It’s like a girl you once fell in love with, hearing hear laugh just sent you straight to heaven and she was the most beautiful being you’ve ever seen. Now that you fell out of love you realise that her giggling is hysterical and she has crooked teeth and what the hell is she doing with that curl of hair all the time?! Everything was all wine and roses, now everything just disgusts me: Which, of course, is more about me than it is about America.

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All This Quiet

Königssee, August 2018

The Summer of 2015 was when Europe started to die. At the beginning I blamed our leaders. I thought, they were corrupt or just too weak and they couldn’t wrestle themselves free from the grip of economy. We blamed the lobbyists. The money. The inevitable force of an economy rolling downhill, crushing every man woman and institution in its wake. That wasn’t it. We fell, yes, but the fall started with a jump.

I was tired most of the time. Although I got up early, I stayed in bed till early noon. I read stuff on the internet. If you’d have asked me five minutes later, I couldn’t have told you what I had read. It didn’t matter. It promised that there will be something good coming up. It was always coming up, it was never here. I didn’t have what I needed. I was missing something. I couldn’t figure out what. I kept on looking. I remember googling if an actress I had loved 10 years ago had had plastic surgery. I had recently seen her on TV again and she looked amazing. I found some speculations, that she had had a nose job done. Or Botox. I examined the footage closely: She barely moved her mouth and all her other features remained still, as if paralysed. I got obsessed with thinking that she had Botox messing up her face. She looked beautiful. She was older now, with her features being sharper, more defined. But she did not look wrinkled. I wouldn’t get into her pants now, not any more than I could 10 years ago. Maybe she looks more ugly when the lights were different and she had rubbed off all her make up. That would at least give me a fighting chance. But not really.

Then I saw her in the trailer of another TV-series. She was running around in her underwear, packing things together, briefly pausing when she pulled a gun out of her socks drawer. I examined my own socks drawer. It contained some socks that did not belong together. But I didn’t have a gun. I have no need for a gun. I wonder, if outside the US or even outside of TV I would ever think I need a gun. Maybe things will change, when Europe collapses. We have to arm ourselves. All our dreams of zombies invading the earth will come true. All the wars that ravage around the world will finally come home. We are no longer the eye of the storm. We are the storm.

So this guy, you know, he is just watching TV and surfs the internet. He isn’t doing much else. He does no longer see the point of doing something else. It gets very cold very quick once the sun has gone down.

There is not even a point in commenting. All that chatter out there, in here it is quiet. It is beautiful. All this quiet.

But the noise will come to you eventually. He spends entire days trying to ignore what’s on TV. He doesn’t look any news. It is not like there is some sort of conspiracy going on. It’s just that the news have gone broke. We all are. We all have conceded to the fact, that knowing about reality is really no help at all. So we deliberately chose to ignore it. This is some sort of progress. Of course, we can’t take everybody with us. Some will struggle to shake free from this ageing concept of truth. We are going liquid. We no longer struggle. Things come easier now. The light vanishes quickly out of the sky.

There is a backroom where we used to play cards. We no longer do that. I lost a lot of money there, I am not very good at poker. My face gives away the luck of my cards. If I got a good hand it shows immediately. I can’t help but smile. When I examine closely: I do not really know what I am smiling about. I do not care too much about winning. I do care about the money. Money is a good thing. Having money is better than not having money. It calms you. It takes away the need of thinking about it. When rich people tell you, that money alone does not make you happy: They are only telling that, to make sure that you don’t come for them and take their money away. They sure look happier than the guy who sleeps in a cardboard down at the station: He rarely moves any more, because what’s the point. In the late morning, he looks out of his sleeping bag at the people walking for work. Rich people don’t do that.

 

January 5th 2017, 9:48am

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Do Nothing

Zwischen Heidelberg und Berlin, March 2017

The Secret of Permanent Creation: Whatever you’re thinking; think something else. Whatever you’re doing; do something else. The Absolute Secret of Permanent Creation: Desire nothing, decide nothing, choose nothing, be aware of yourself, stay awake, calmly seated, do nothing

— Robert Filliou

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Ein Defizit zulassen

Wie ich mich auch anstelle, ich verschaffe mir ein Gefühl der Zersplitterung – demütigender Unordnung. Ich schreibe ein Buch, ich muss meine Ideen ordnen. Ich verkleinere mich in meinen Augen, wenn ich mich ins Detail meiner Aufgabe vertiefe. Diskursiv, wie es ist, ist das Denken stets die Beachtung eines Punktes auf Kosten der anderen, es reisst den Menschen aus sich selbst heraus, reduziert ihn auf das Glied in der Kette, die er ist.

Verhängnis für den “ganzen Menschen” – den Menschen des Pfahls -, nicht vollauf über seine intellektuellen Ressourcen zu verfügen. Verhängnis, schlecht, unordentlich arbeiten zu müssen.

Er lebt unter einer Bedrohung: die Funktion, die er anwendet, tendiert dazu, seine Stelle einzunehmen! Er kann sie nicht übermäßig anwenden. Er entgeht der Gefahr nur, indem er sie vergisst. Schlecht, unordentlich zu arbeiten, ist oft das einzige Mittel, nicht zur Funktion zu werden.
Aber die umgekehrte Gefahr ist gleichfalls groß(die Vagheit, die Ungenauigkeit, der Mystizismus).
Ebbe und Flut ins Auge fassen.

Ein Defizit zulassen.

— Georges Bataille, Nietzsche und der Wille zur Chance

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A Promising Youth

Rimini, 1962

 

She had a promising youth. Only when it was too late, she realized, that her youth did not promise her any riches or fame or fortune – youth itself was what had been promised. When her youth was gone, with it were all the promises.

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Some Sort Of Relief?

Cambodia, December 2016

 

As a reminder to self: Civilisations end. This is the concept underpinning most Japanese Monster-Movies. It was argued, that it was the rashness of the atomic bomb that made Japan (until now) the only civilisation capable of imagining the abrupt wipe-out of the world as a whole. For the rest of us, the end of the world remains an abstract concept, that we can only experience in movies. The prospect of the world going down in flames is not enough to entice any kind of prevailing action: When a loved one dies, we experience, that it does not get any worse than this. Is this some sort of relief?

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